Warum Kleidung früher länger getragen wurde 🧵

Warum Kleidung früher länger getragen wurde 🧵

Von der Kunst des Reparierens über die Kleiderwelt der Nachkriegszeit bis zur neuen Wertschätzung für langlebige Mode

Ein Loch im Pullover, ein gerissener Saum oder ein zu weiter Rock - heute kann das schnell ein Grund sein, ein Kleidungsstück auszusortieren. Früher war das anders. Kleidung wurde geflickt, geändert, umgenäht und innerhalb der Familie weitergegeben. Ein gutes Kleidungsstück sollte nicht nur eine Saison überstehen, sondern möglichst viele Jahre.

Doch warum hat sich unser Umgang mit Kleidung so stark verändert? Und weshalb entdecken wir ausgerechnet heute das Reparieren, Ändern und Weitergeben wieder neu?

Kleidung war früher mehr als ein Konsumgut

Wer einen Blick auf die Geschichte der Kleidung wirft, erkennt schnell: Kleidung war lange Zeit mit Arbeit, Material und Kosten verbunden. Stoff war wertvoll, und ein Kleidungsstück entstand nicht einfach nebenbei.

Ein Kleid konnte beispielsweise angepasst werden, wenn sich die Körpergröße oder die Figur veränderte. Hosen wurden gekürzt, Mäntel weitergegeben und Pullover gestopft. Aus einem alten Kleidungsstück konnte etwas Neues entstehen.

Besonders deutlich wurde die Bedeutung von Kleidung in Zeiten von Mangel und wirtschaftlicher Not. Während des Zweiten Weltkriegs und in den ersten Nachkriegsjahren waren Textilien keineswegs selbstverständlich verfügbar. Kleidung wurde rationiert, repariert und möglichst lange genutzt. Historische Sammlungen zeigen beispielsweise Kleidungsstücke aus dieser Zeit, die vielfach gestopft und ausgebessert wurden. 

Die Nachkriegszeit: Als Kleidung wieder zum Zeichen von Wohlstand wurde

Interessant ist dabei die Entwicklung nach dem Krieg. In der Bundesrepublik veränderte sich der Umgang mit Kleidung in den 1950er-Jahren deutlich. Nach den Mangeljahren entstand eine regelrechte "Kleiderwelle": Die Menschen wollten konsumieren und sich wieder modern kleiden. Die Bekleidungsindustrie wuchs, neue Materialien kamen auf den Markt und die industrielle Produktion nahm zu. (Wikipedia)

Genau hier wird auch die Geschichte der deutschen Textil- und Bekleidungswirtschaft spannend.

Ein Buch, das ich selbst besitze und das mich bei diesem Thema besonders interessiert, trägt den Titel "Darf man jetzt von Mode sprechen?": Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland. Es beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Bekleidung und Textilwirtschaft in Deutschland nach dem Krieg entwickelt haben.

Für mich ist gerade dieser historische Blick interessant, weil er zeigt, dass Mode nicht nur etwas mit Kleidung und Trends zu tun hat. Mode erzählt auch etwas über eine Gesellschaft: über Wohlstand, Mangel, technische Entwicklungen, Arbeitswelt und darüber, wie Menschen konsumieren.

Hinweis: Ich besitze dieses Buch selbst und kann es für alle empfehlen, die sich intensiver mit der Geschichte von Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland beschäftigen möchten. Über diesen Affiliate-Link könnt ihr euch das Buch ansehen. Wenn ihr darüber kauft, erhalte ich möglicherweise eine kleine Provision. Für euch entstehen dadurch keine zusätzlichen Kosten.

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Was hat sich danach verändert?

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung veränderte sich auch unser Verhältnis zur Kleidung. Mode wurde immer stärker industriell produziert. Kleidung wurde günstiger, Kollektionen wechselten schneller und immer mehr Menschen konnten sich häufiger neue Kleidungsstücke leisten.

Heute ist dieser Wandel besonders deutlich. Fast Fashion sorgt dafür, dass ständig neue Kollektionen und Trends auf den Markt kommen. Das Bundesumweltministerium weist darauf hin, dass die Dominanz von Fast Fashion mit geringer Haltbarkeit und fehlenden Anreizen zur Reparatur zu den Ursachen der großen Mengen an Alttextilien gehört. (BMU)

Eine aktuelle Greenpeace-Umfrage zeigt außerdem, dass in Deutschland durchschnittlich rund 90 Kleidungsstücke pro Person im Schrank liegen - etwa ein Drittel davon wird kaum getragen. (Greenpeace Deutschland)

Damit hat sich etwas Grundlegendes verändert: Früher musste ein Kleidungsstück seinen Wert über lange Nutzung beweisen. Heute wird sein Wert häufig schon durch den nächsten Trend ersetzt.

Reparieren statt Wegwerfen - warum kommt das zurück?

Und trotzdem erleben wir gerade eine interessante Gegenbewegung.

Das Reparieren von Kleidung wird wiederentdeckt. Menschen lernen wieder zu nähen, besuchen Nähkurse, nutzen Repair Cafés, lassen Jeans reparieren oder verwandeln alte Kleidungsstücke durch Upcycling in etwas Neues.

Das hat mehrere Gründe.

Zum einen wächst das Bewusstsein für die Umweltfolgen unseres Konsums. Das Umweltbundesamt empfiehlt ausdrücklich, Kleidung möglichst lange zu tragen, kleinere Defekte zu reparieren und nicht mehr getragene Kleidung weiterzugeben. Auch Kürzen, Umnähen und Aufnähen können einem Kleidungsstück ein zweites Leben geben. (Umweltbundesamt)

Zum anderen entdecken viele Menschen den persönlichen Wert ihrer Kleidung wieder. Ein Mantel, den man seit zehn Jahren besitzt, ist eben nicht einfach irgendein Mantel. Vielleicht erinnert er an einen besonderen Menschen, eine Reise oder einen wichtigen Lebensabschnitt.

Ein kleines Loch muss dann nicht das Ende sein. Manchmal ist es nur der Anfang einer neuen Geschichte.

Reparieren ist heute sogar wieder ein Thema der Politik

Die Renaissance des Reparierens ist inzwischen nicht mehr nur eine private Angelegenheit. Auch politisch wird das Thema wichtiger.

Das Bundesumweltministerium fördert beispielsweise mit dem Programm "Reparieren statt Wegwerfen" Reparaturinitiativen und möchte eine größere Wertschätzung für Produkte und Materialien fördern. (BMU)

Auch Untersuchungen des Umweltbundesamtes beschäftigen sich mit den Folgen einer stärkeren Reparaturkultur. Dabei geht es nicht nur um Umweltschutz, sondern auch um Arbeitsplätze und die Frage, welche Berufe in einer stärker auf Reparatur und längere Nutzung ausgerichteten Wirtschaft gebraucht werden. (Umweltbundesamt)

Das zeigt: Reparieren ist längst mehr als eine altmodische Tätigkeit mit Nadel und Faden. Es ist Teil einer möglichen neuen Konsumkultur.

Vielleicht müssen wir Mode neu denken

Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen der Modegeschichte der Nachkriegszeit und unserer heutigen Situation.

Nach den schwierigen Jahren wollten die Menschen wieder neue Kleidung besitzen. Mode wurde zum Ausdruck von Wohlstand, Modernität und einem neuen Lebensgefühl. Diese Entwicklung war verständlich und hat die deutsche Textil- und Bekleidungswirtschaft entscheidend geprägt.

Heute stehen wir jedoch vor einer anderen Herausforderung. Wir haben nicht zu wenig Kleidung, sondern sehr viel davon.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr unbedingt:

"Wie kann ich mir etwas Neues leisten?"

Sondern vielleicht:

"Wie kann ich das, was ich bereits besitze, länger nutzen?"

Das bedeutet nicht, dass wir auf Mode verzichten müssen. Im Gegenteil. Ändern, kombinieren, reparieren, tauschen und Secondhand können Mode sogar persönlicher machen.

Ein Kleidungsstück muss nicht perfekt und makellos sein, um schön zu sein. Eine sichtbare Reparatur kann zeigen, dass etwas wertgeschätzt wird.

Ein alter Gedanke mit einer modernen Bedeutung

Wenn wir heute wieder lernen, einen Knopf anzunähen, einen Saum zu ändern oder ein Loch zu stopfen, dann kehren wir nicht einfach in die Vergangenheit zurück.

Wir können vielmehr eine alte Fähigkeit mit einem modernen Bewusstsein verbinden.

Früher wurde Kleidung häufig repariert, weil Material knapp und teuer war. Heute können wir sie reparieren, weil wir Ressourcen sparen, bewusster konsumieren und unseren Dingen wieder mehr Wert geben möchten.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis:

Langlebigkeit ist keine Modeerscheinung. Sie ist eine Haltung.

Und vielleicht beginnt nachhaltige Mode gar nicht mit dem Kauf eines neuen Kleidungsstücks - sondern mit dem Blick in den eigenen Kleiderschrank und der Frage:

"Was könnte ich noch retten, verändern oder neu entdecken?"

Denn manchmal braucht ein Lieblingsstück keine neue Saison.

Es braucht nur eine zweite Chance.

 


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